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Griechenland : Thessaloniki im Oktober 2005


Interview mit einer anarchistischen Genossin
über Flüchtlinge, zu den „Thessaloniki 7“,
zur sozialen Lage in Griechenland und zur Zukunft

Interviewer: k-asn




Frage:
Mochtest du dich kurz vorstellen?

Antwort:
Ja, ich bin Petra, habe in Deutschland 18 Jahre lang gelebt, und lebe jetzt wieder in Griechenland. Ich bin von Beruf Sozialarbeiterin, z,Zt. arbeite ich in Thessaloniki. Ja, und Thessaloniki ist eine nette Stadt.

Frage:
Machst Du in aktiven Gruppen mit, wenn ja in welchen, und welche Gruppen würdest Du als befreundet bezeichnen ?

Antwort:
Als Studentin war ich sehr aktiv in einer anarchistischen Gruppe, fast 7 Jahre, habe verschiedene Sachen zusammen gemacht, auch in der Fachhochschule, wo ich studiert habe, aber auch mit Unistudenten
und anderen Leuten.
Z
ur Zeit versuchen wir mit einer Freundin, die auch Genossin ist, ein paar alte Kalender aus Deutschland zu übersetzen ins Griechische, damit wir das auch hier veröffentlichen konnen, und einen Comic über Durruti. In Thessaloniki gibt es das besetzte Haus Terra Incognita im Zentrum, und die Fabrik Ifanett, eine alte Fabrik. Beide sind interessante Projekte, die gibt es auch schon seit 2 Jahren, und die Leute dort sind auch sehr aktiv .
Übrigens gibt es die sogenannten Antiautoritaren, die auch als „AK“ bekannt sind. Es gibt dann noch andere Gruppen: die anarchistische Bibliothek und das Archiv und ein paar Kleingruppen in der Uni.

Frage:
In Thessaloniki gibt es ca
. zwei Millionen EinwohnerInnen, angeblich sind fast die Hälfte davon Flüchtlinge. Was kannst Du dazu sagen ?

Antwort:
In Thessaloniki gibt es jetzt über 2 Mio
. EinwohnerInnen. Eine Studie hat festgestellt, dass es 2010 schon 6 Mio. EinwohnerInnen geben wird in Thessaloniki.Und dann die meisten Flüchtlinge.

Frage:
Die Flüchtlinge
, leben die illegal hier, also auch ohne Papiere?

Antwort:
Die Albaner
Innen. Die jetzt die zahlenmaßig grösste Gruppe sind, jetzt auch schon in der 2ten und 3ten Generation, die hier lebt, weil die AlbanerInnen ja schon in den 90ger Jahren gekommen sind. Aber es gibt auch politische Flüchtlinge.

Frage:
Oder Kriegs
flüchtlinge nehme ich an ?

Antwort:
Ja, aus
dem Irak. An meinem anderen Arbeitsplatz hatten wir auch viel mit Flüchtlingen zu tun, weil es war auch eine Art Arbeitsbörse, wo man Jobs suchen kann. So eine Art Arbeitsvermittlung. Da hatten wir auch so ein Büro, da gab es auch IranerInnen, Leute aus Palästina, aus Georgien, die sind auch gekommen in den 90ern. Aus Russland, Kasachstan auch habe ich mal gehört, aber bin ich mit nicht sicher. Aus Afghanistan und auch aus ganz Deutschland. Und sehr viele aus Ex - Jugoslawien, aus Serbien, sehr viele. Gegenüber von unserem Bahnhof in Thessaloniki findest Du sehr viele Ausländer, die auf der Straße warten, damit sie einen Job finden. Da kommen vielleicht so Leute, die auf dem Bau arbeiten und nehmen sie für einen Tag mit und da konnen sie was verdienen. Das sind sehr viele. Das finde ich nicht so schön, da sie so leiden.

Frage:
Also: Ohne Papiere bedeutet auch, dass die L
öhne nicht feststehen, dass da manchmal schlecht gezahlt wird - oder auch gar nicht. Das kennen wir aus den europaischen Metropolen, auch wenn das offiziell nicht bekannt gegeben wird, aber man kennt das auch in Berlin mit den PolInnen, RussInnen die dann illegal teilweise sogar auf staatlichen Baustellen arbeiten oder gearbeitet haben.

Antwort:
Und in Patras war das auch so. Patras ist eine Hafenstadt. Da gab es auch eine Russen-Mafia und eine Albaner-Mafia und viele Kurd
Innen, die nach Italien fahren wollten mit einer Fähre. Die haben bei bestimmten Leuten, die das organisiert haben über 2000 Dollar bezahlt damit sie dann in den Frachter hinein kommen, oben im Schiff auf das Deck. Es gab viele Beispiele, wo Flüchtlinge auch erstickt sind, damals in Patras und das war auch sehr schade.
Du hast sie da im Hafen gesehen wo sie gewartet haben um auf ihr Schiff zu kommen, um wegzufahren
. Da gab es auch die Mafia, die das organisierten, die kriminell sind und die andere ausgebeutet haben, die sie nicht kennen. In Thessaloniki gibt es ein
Zentrum für Ausl
änder, ein Ausländertreff, schon seit ein paar Jahren.

Frage:
So institutionell, also von der Stadtverwaltung ?

Antwort:
Nein, nein so nicht, das haben ein paar andere Leute, so Linke
, die so orientiert sind, haben es gemacht, und es gibt auch sowas von der Stadt, wo man ein paar Wochen schlafen kann - ein paar Notunterkünfte, gibt es auch, aber es sind nicht so viele.

Frage:
Sechs Mio. sind das dreifache der jetzigen EinwohnerInnenzahl - das ist ja schon eine Riesenanzahl, da kann man sich ja auf die Fl
äche bezogen vorstellen, dass dann viel gebaut werden muss, um die Leute unterzubringen ?

Antwort:
Es wird auch viel gebaut. Es wird
bis 2010 dauern, haben sie gesagt. Aber die Stadt hat nicht viele Sozialinstitutionen. Es gibt so viele Obdachlose und Armut in Thessaloniki. Das ist so in Thessaloniki, aber die Herrschenden machen gar nichts für die Leute. Es gibt sehr viele, die man vor 5 bis 6 Jahren nicht gesehen hat. Das hat man nur in Athen gesehen, und jetzt sieht man das auch in Thessaloniki.

Die „Thessaloniki 7“

Frage:
Noch eine Frage zum Weltwirtschaftsgipfel
2003 und den Gegendemonstrationen, bei denen die sogenannten „Thessaloniki 7“ und andere auch verhaftet wurden. Der lang anhaltende Hungerstreik hatte viel internationale Solidaritat mobilisiert. Und die Frage ist jetzt, wie es im Augenblick aussieht mit den von Repressionen bedrohten Genossinnen.

Antwort:
Soll ich etwas über 2003 erzählen?
(Der Hintergrund von 2003 ist allgemein bekannt)

Ich habe jetzt mit dem Anwalt telefoniert und er hat mir erz
ählt, dass keiner ins Gefängnis kommen wird. Aber es werden für alle sechs Strafen von 18, 20 Monaten bis 25 Monaten sein mit drei Jahren Bewährung. Aber die Strafen werden sehr hoch sein. So 20 bis 25 Monate mit 3 Jahren Bewährung.


Frage:
Also die Genossen sind jetzt alle frei?

Antwort:
Ja, die sind auf Bewährung frei.

Frage:
Und die mussen jetzt Montag alle hierher oder sind die jetzt in Spanien. Denn die sind ja auch aus verschiedenen Ländern
.

Antwort:
Ja
, die sind auch aus verschiedenen Ländern und haben damals auch bezahlt, also Kaution gestellt. Als der Hungerstreik aufhörte. Wenn das Hungern nicht aufgehört hatte, wären sie sonst fast gestorben. Das war echt eine tolle Mobilisierung damals vor einem Jahr, das hat man gesehen in Griechenland. Echt toll, aber danach gab es so eine Stille überall, in den Großstädten, in Griechenland. Das es nicht weiter gegangen ist. Es sind viele Leute rein gekommen und dann auch wieder weg, das war wie eine Art Happening . Das war im Endeffekt nur ein Happening, weil da nicht viele geblieben sind. Und dann gab es eine lange Zeit, wo alles still war.

Frage:
Aber der Hintergrund wie das überhaupt passieren konnte ? Ich habe da mal so ein Soziologiebuch in den Ferien gelesen, über die neuere griechische Geschichte , da ist auch sehr viel beschrieben von Verschwörung, von weißem Terror und Ahnlichem. Ist das heute noch immer so in Griechenland oder Thessaloniki ,
Geheimdienste, Verschwörung usw. ?

Antwort:
Ja, das gibt es. Das ist auch hier und in Athen auch. Und das ist schlimmer geworden seit dem. Und jetzt im Sommer , haben sie wieder drei Leute festgenommen aus der Szene. Sie haben sie jetzt festgenommen und die sind auch jetzt im Gefängnis und kommen nicht raus , geht nicht. Auf Kaution konnen sie auch nicht raus kommen. Und denen steht bevor, dass sie mit dem Terrorgesetz angeklagt werden, und sie werden sich Fragen gefallen lassen müssen nach den ganzen Molotow-Cocktails, die seit 199
8 geschmissen wurden.

Sozialabbau, Neoliberalismus und Arbeitswelt

Frage:
Zur sozialen Lage in Griechenland: Was hat sich seit Einführung des Euro hier verändert, verbessert oder verschlechtert ?

Antwort:
Ja, also es geht alles den Berg runter wegen dem Euro. War das Schlimmste was Griechenland passieren konnte, weil: Alles hat sich erhöht, aber die Löhne, die man kriegt sind gleich geblieben. Wie vor dem Euro
- und es gibt kein Gleichgewicht zum Gehalt und zum Lebensunterhalt. Die ganz einfachen Sachen, die man jeden Tag braucht wie Milch, ist teuer. 1 Liter Milch kostet 1,50 Euro, und die Supermärkte sind alle teurer als in Deutschland. Ich habe auch in der Zeitung gelesen, das Griechenland eines der teuersten Lander Europas ist. Teurer als Deutschland. Und die Löhne, der Lohn eines Arbeiters in der Fabrik, betragt 600 Euro. Ich als Sozialarbeiterin bekomme mit Versicherung jetzt 600 Euro. Die 600 Euro bekomme ich bar und die Versicherung zahlt mein Arbeitgeber. Und wenn du im öffentlichen Dienst arbeitest, bekommst Du vielleicht 100 Euro mehr.

Frage:
Also Europa für uns bedeutet eine Zuna
hme des Neoliberalismus, und das bedeutet auch, dass z. B. soziale Grundrechte abgebaut werden , Schritt für Schritt beseitigt werden. Ist Hartz 4 hier bekannt?1 Euro Jobs? und dann auch das mit der Rente ? Renten werden zB. besteuert, dass heißt die alten Leute haben dann auch immer weniger Geld. Gibt es die gleiche Tendenz betreffend den sozialen Garantien, die von den Sozialversicherungstragern oder vom Staat her geleistet werden, auch hier in Griechenland?

Antwort:
Die wollen das hier auch einfuhren, die Steuern auf die Renten. Und die Krankenversicherung war auch immer Scheiße hier. Die Krankenversicherung hat nicht so einen Bestand hier wie in Deutschland. Es ist ziemlich schlimm hier : Wenn du arbeitslos bist, findest du sicherlich einen Job in dem du keinerlei Versicherung hast. Bei meinem Job, als ich als Sozialarbeiterin mit Roma gearbeitet habe, hatte ich auch keine Sozialversicherung. Und das sah so aus, dass ich noch arbeitslos war, aber ich habe gearbeitet. Ich habe für diesen Job, 350 Euro im Monat bekommen. Es war eine Firma, die von EU
- Geldern finanziert wurde, und der Arbeitgeber hat das meiste Geld für sich einbehalten. Wir mussten dann auf das Geld warten. Ich habe im März dort angefangen und mein erstes Geld im Juli bekommen. Dieser Arbeitgeber schuldet mir heute noch 700 Euro. Und ich hatte auch keinerlei Versicherung.

Frage:
War das jetzt ein „normales“ Arbeitsverhaltnis ? Ich denke zum Beispiel an Baustellen, wo auch Unfälle passieren von denen Leute lebenslang betroffen sein konnen. Folgeschaden, weil sie sich z, B. einen Nerv einklemmen oder ahnliches? Die ganzen illegalen Arbeiter auf den Baustellen haben gar keine Absicherung.

Antwort:
Ja, wie zum Beispiel bei der Olympiade. Es wurden sehr viele große Sportstätten gebaut, die zur Zeit fast alle leer stehen in Athen
. Bei diesen Baustellen gab es sehr viele Arbeitsunfälle. Und diese Unfälle wurden alle verheimlicht. Viele haben dagegen demonstriert, aber wenn sie etwas verstecken wollen, dann machen sie es sehr gut hier in Griechenland. Ich denke, dass ist in vielen Ländern so.

Frage:
Mann musste hier sehr viele Krüppel und Behinderte sehen, aber die sieht man hier nicht so. Vielleicht an anderen Stellen?

Antwort:
Es ist hier ebenso, als wenn Du in Athen bist. Im Zentrum sieht es wirklich schon nach einer heilen Welt aus, aber wenn du in Ghettos gehst, sieht es total schlecht aus und schlimm. Viel Kriminalität, Gewalt und natürlich auch sehr viele Drogen, Armut und Heroin. Das ist außerhalb vom Zentrum, damit niemand sofort sieht, dass es so etwas gibt.

Frage:
Gibt es hier denn auch Gewerkschaften oder eine Gegenbewegung gegen diese Entwicklung?

Antwort:
Ja, die gibt es. Diese großen Gewerkschaften ABW und Weco. Es gibt auch eine Bauarbeitergewerkschaft, die aber auf die kommunistische Partei fokussiert ist. Die großen Gewerkschaften haben ganz gute Kontakte mit der Regierung. Und ich denke, die machen nicht viel für uns.

Frage:
Welche Institution gibt es sonst noch in der griechischen Gesellschaft z. B. die Kirche. Wie weit ist die griechisch orthodoxe Kirche nicht nur an Religiosität interessiert, sondern kooperiert sie auch mit den herrschenden Eliten?

Antwort:
Sie kooperieren und haben auch Einfluss auf die Regierungen. Sie haben z. B. ganz große Vermögen. Sie hat auch Sozialhilfeinstitutionen, die sie trotz ihrem vielen Geld nur schlecht unterstützen. Es gab in der Vergangenheit einige Skandale mit Geistlichen. Vor einigen Monaten wurden z. B. Kriminelle mit Geldern unterstutzt. Das wurde aufgedeckt und schnell wieder vergessen. Generell sind die meisten Griechen sehr gläubig, und die Kirche spielt eine große Rolle in den Familien.

Frage:
Ich habe über die Zeit der Diktatur in Griechenland gelesen. Dass Papadopoulos von den Erzbischöfen unterstützt bzw. ernannt wurde.

Antwort:
Ja klar, der Erzbischof Serafi
m der vor Papadopoulos bereits „regierte“, hat die Militärdiktatur damals unterstutzt.

Frage:
OK, dann sind wir jetzt bei den herrschenden Eliten und kommen zum Militär, zum Nationalismus und zur Justiz. Da kann man wahrscheinlich auch nicht viel anderes sagen.

Antwort:
Richtig. In Griechenland soll die Militärzeit gekurzt werden auf 10 Monate, aber es ist eine Pflicht dort hinzugehen. Es gibt zwar eine Art Alternative dazu, aber sie dauert viel zu lange. Deshalb spielen einige Betroffene „verrückt“ und bekommen eine Bescheinigung, dass sie verruckt sind. Die meisten aus der anarchistischen Szene gehen nicht zum Militär, weil es schlimm ist. Es gibt Einige, die total verweigert haben, und dafür jahrelang im Gefängnis waren. Die meisten machen daher das Spiel mit dem Verrücktsein.

Die Zukunft


Eine letzte Frage:
Wie siehst du die Zukunft und was würdest du dir für die Zukunft wunschen?

Antwort:
In Griechenland gab es vor einigen Wochen ein europaweites Nazi-Treffen. Es gab natürlich Gegendemonstrationen. Es sieht leider schlimm aus, denn es gibt hier auch viele Nazis. Es gibt eine griechische Nazipartei, die auch verschiedenste Unterstützung hat. Als vor einigen Wochen die griechische Nationalmannschaft im Basketball gewonnen hat, haben die Faschos ein besetztes Haus in Athen mit Steinen angegriffen. In dem Haus waren fünf Leute. Als die Polizei kam, hat sie die Nazis besch
ützt, statt die Besetzerinnen. Die Polizei hat also die gleiche Rolle wie in Deutschland. Ich sehe, dass es in Zukunft zwei Kategorien geben wird. Die ganz Reichen und die ganz Armen. Leider wie überall. In Griechenland ist das Schlimme, das die Löhne so niedrig sind, und wenn du keine eigene Wohnung besitzt, hast du kein Geld mehr zum Leben. Der Mindestlohn betragt 700 Euro und die Miete 340 Euro in Thessaloniki.

Frage:
Glaubst du das die Mehrheit begreift, was in der Gesellschaft los ist, oder das wir eine isolierte Minderheit sind ?

Antwort:
Die meisten Leute kapieren das, aber sie haben Angst etwas zu machen, weil es eine starke Repression gib
t. Allerdings gibt es in Griechenland schon immer mehr Gegendemonstrationen wie z, B, in Deutschland, aber es ändert sich nichts. Es gibt jetzt eine Richtung, und die heißt: Griechenland gehört jetzt zu Europa und muss (?) alles machen was der europäische Kapitalismus vorgibt .

Danke für das Interview k-asn 10-05A-Symbol als Graffitti in Thessaloniki 2005