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Griechenland:

Ermittlungen wegen Mordanschlag auf Gewerkschafterin eingestellt

Am 02. Juli  2009 demonstrierten in der griechischen Hauptstadt Athen etwa 1500 Reinigungsarbeiter/innen gemeinsam mit Unterstützer/innen gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens wegen dem Mordversuch auf die Gewerkschaftsaktivistin Konstantina Kuneva. Die Bezirksstaatsanwaltschaft hatte den Fall als geschlossen betrachtet, da seit dem Säureanschlag vor einem halben Jahr auf die studierte Historikerin aus Bulgarien, die in Griechenland für eine Putzfirma arbeitet, keine weiteren Erkenntnisse ermittelt werden konnten. Ein verdächtigter Albanier war zwischenzeitlich wieder freigelassen worden.

Da Kuneva aufgrund ihres Kampfes gegen die sklavenartigen Arbeitsbedingungen von Migrant/innen in der Reinigungsbranche mehrfach bedroht worden war, geht die Basisgewerkschaft PEKOP weiterhin von einem gezielten Mordanschlag auf die unbequeme Aktivistin aus. Nach Angaben ihrer Anwältin befindet sich Konstantina Kuneva seit dem Schwefelsäureanschlag noch immer im Krankenhaus, sie kann mittlerweile wieder besser sprechen und sich konzentrieren. Dennoch wurde sie nicht noch einmal zum Tathergang befragt. Auch den vorliegenden Hinweisen, wie Telefonnummern der Drohanrufe oder Herkunft der Säure, war vom Untersuchungsrichter nicht weiter nachgegangen worden.

Anarchosyndikat Köln/Bonn,
Bereich Gastronomie & Einzelhandel,
http://anarchosyndikalismus.org


Hintergrund:


Säureattentat auf Gewerkschafterin - Solidarität mit Konstantina Kuneva

Auf die in Athen lebende bulgarische Gewerkschaftsaktivistin Konstantina Kuneva (Константина Кунева bzw. Constandina Couneva) wurde am 22. Dezember 2008 ein Attentat mit Schwefelsäure verübt. Sie befindet sich in intensiver medizinischer Behandlung, da ihre Augen und große Teile der Haut und Atemwege schwer verätzt wurden. Zwei unbekannte Männer verübten den lebensbedrohlichen Anschlag auf Konstantina Kuneva auf offener Straße während sie sich nach der Arbeit auf dem Heimweg befand.

Die Gewerkschafterin ist Generalsekretaerin der "Pan-Athenischen Gewerkschaft der Raumpfleger/innen in öffentlichen und privaten Haushalten" und hatte sich gegenüber ihrem Arbeitgeber IKOMET, einem Subunternehmen der Athener Verkehrsgesellschaft ISAP seit langem für die Rechte der Arbeiter/innen eingesetzt. Die meisten ihrer Kolleg/innen in der Reinigungsfirma, einige von ihnen hatten bereits wegen ihrer Gewerkschaftsaktivitäten Morddrohungen erhalten, kommen nicht nur aus Griechenland und Bulgarien, sondern auch aus Bangladesh.

Besonders in Bangladesh kommt es täglich zu solchen grausamen Verstümmlung vor allem von Frauen, die Männern gegenüber ihren eigenen Willen zeigen, sich nicht auf Heiratsangebote oder Mitgiftforderungen einlassen. Nur ein Zehntel der Täter, meist Verwandte oder Bekannte, werden dort für ihre Taten verurteilt. Diese Art der Terrorisierung ist vor allem in Ländern mit muslimischer Bevölkerung verbreitet (Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien), aber auch in Kambodscha, China und Thailand. In Bulgarien wurden zwei kritische Journalistinnen 1998 und 2007 Opfer eines solchen Anschlags, nachdem sie illegale Geschäftspraktiken aufgedeckt hatten. 2001 traf es dort sogar die stellvertretende Direktorin der Nationalen Bauaufsicht. Der Anschlag auf die Gewerkschafterin Kuneva in Athen ist nicht nur ein Angriff auf eine kritische Arbeiterin, sondern eine Attacke auf alle Gewerkschafter/innen - nicht nur in Europa.

Aus Protest gegen das Säureattentat wurde am 27. Dezember 2008 von einer Solidaritätsgruppe die Athener Verkehrsgesellschaft ISAP (Auftraggeber von IKOMET) besetzt, um die Verantwortlichen für solche Angriffe auf alle Arbeiter/innen zu bennenen, die sich gegen die Arbeitsbedingungen in der Reinigungsbranche zur Wehr setzten.


Mit Transparenten, wie “Stoppt den Terror der Arbeitgeber“ und “Ein Angriff auf einen von uns ist ein Angriff auf alle!" protestierten die Besetzer/innen öffentlich und verteilten Flugblätter. Am 28. Dezember gab es eine Demonstration von dem besetzten ISAP-Gebäude zu dem Krankenhauses, in dem Konstantina liegt, wo es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam. Mittlerweile hat der Bulgarische Gewerkschaftsverband bei der griechischen Regierung protestiert und eine Aufklärung des Verbrechens gefordert.


Hier ein Zitat aus dem Solidaritätsflugblatt:

"Constandina (...) hat sich sehr intensiv für die Rechte der ArbeiterInnen eingesetzt. Erst vorherige Woche hatte sie einen erneuten Arbeitskonflikt mit der Firma IKOMET im Zusammenhang mit der Forderung nach dem 13. Monatsgehalt für sich und andere Arbeiterinnen. Ihre Mutter, die ebenfalls in der Firma beschäftigt war, wurde gekündigt und sie selbst wurde an einen anderem Arbeitsplatz nach Maroussi in Athen strafversetzt. Nachdem sie gegen die Kündigung ihrer Mutter und ihrer eigenen Strafversetzung Klage eingereicht hatte, wurde für den 5. Januar 2009 ein Treffen der Schiedskommission zwischen der Gewerkschaft und der Firma IKOMET anberaumt, um diesen Arbeitskonflikt zu schlichten.

All dies ist nichts Neues und die Arbeitsbedingungen von MigrantInnen und Reinigungskräften sind uns
wohlbekannt. Dazu gehören gebrochene und gefälschte Vertraege, zu verspätet oder garnicht gezahlte Löhne oder Überstunden, fehlende Krankenversicherung und die Beschäftigung von MigrantInnen mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Diese allseits bekannte Praxis wird vom griechischen Staat geduldet und unterstützt, was wieder mittelalterliche Arbeitsverhältnisse einführt.


IKOMET ist eine große Zeitarbeitsfirma, die landesweit operiert und Reinigungspersonal auch an andere Firmen weiterverleiht. Der Chef des Subunternehmens IKOMET, Nikitas Ikonomakis (der zugleich ein hohes Mitglied der Partei PASOK ist), gibt an offiziell 800 Arbeitnehmerinnen zu beschäftigen. Doch die Arbeiterinnen gehen nach eigenen Schätzungen von bis zu 3000 Beschäftigten aus. Allein im Jahr 2007 habe sich die Zahl mehr als verdoppelt. Die Arbeiterinnen werden von IKOMET gezwungen Blanko-Verträge zu unterzeichnen, die sie nie zu Gesicht bekommen. Sie arbeiten bis zu 6 Stunden, bekommen aber nur 4, 5 Stunden bezahlt, damit sie in der Gesamtrechnung des Unternehmens unter dem steuerfreien Betrag liegen.

Sie werden am Arbeitsplatz terrorisiert, sexuell belästigt (wie eine Arbeiterin heute auf dem Plenum der BesetzerInnen erklärte), gefeuert, strafversetzt und genötigt Kündigungen zu unterschreiben. So wurde zum Beispiel eine Arbeiterin bei IKOMET für 4 Stunden von den Arbeitgeber/innen in den firmeneigenen Räumen als Geisel festgehalten bis sie ihre eigene Kündigung unterschrieben hatte. Der Chef des Unternehmens gründete eine eigene, von der Firma kontrollierte Gewerkschaft um die Arbeiterinnen zu manipulieren und je nach Belieben einzustellen und zu feuern. Damit will er die Kommunikation und Organisierung der Arbeiterinnen unterbinden. Die vom Unternehmen selbst gegründete Gewerkschaft dient hierbei als “williges Instrument des Unternehmens”. (...)

Dieser mörderische Angriff auf Constandina lässt sich als Rache- und Abschreckungsmaßnahme ansehen. Das Ziel war nicht zufällig gewählt: Sie ist Frau, Migrantin, alleinerziehende Mutter eines minderjaehrigen Sohnes und aktive Gewerkschafterin. Deshalb schien sie für die Arbeitgeber/innen angreifbar und verletzbar. Die Art und Weise des Angriffes war nicht zufällig: Sie deutet auf eine Praxis mittelalterlicher Rache und Bestrafung. Der Zeitpunkt war nicht zufällig: Während die Medien, die Kirche, die Unternehmen und Gewerkschaftsbosse versuchen die Ermordung des 15jährigen Alexis als Querschläger zu vertuschen und die darauffolgende “soziale Explosion” zu untergraben und herunterzuspielen, schien der Angriff auf Constandina unterzugehen und nicht von so großer Bedeutung zu sein. Der mörderische Angriff auf Constandina war sorgfältig geplant. Constandina ist eine von uns. Ihr Kampf für Würde und Solidarität ist auch unser Kampf. Der Angriff auf Constandina hat uns alle getroffen.

Wir erinnern an rassistische Pogrome, an Abschiebegefägnisse und Flüchtlingsknäste, an Bürgerwehren und paramilitärische Einheiten, an Arbeitsunfälle in den Betrieben, an Kündigungen, an miese Arbeitsbedingungen, an staatliche Morde, an Anklagen und an die Kriminalisierung des Widerstandes und an die Terrorisierung im Alltag. All dieses zeigt den langen Weg des sozialen Kampfes und des Klassenkampfes."


Gegen den Terror der Bosse: Solidarität weltweit!

Anarchosyndikat Köln/Bonn,
Bereich Gastronomie & Einzelhandel,
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Spendenkonto der Solidaritätsversammlung:

Kontoinhaber: DECHEVA ELENA & KUEVA KOSTADINKA NIKOLOVA,
Bank: PIREOS BANK,
Konto Nr. 5012 019021 277,
IBAN: GR 28 0172 0120 0050 1201 9021 277,
BIC: PIRBGRAA


Mehr Informationen der Solidaritätsversammlung:
http://katalipsihsap.wordpress.com/2008/12/28/solidaritaet-mit-constandina-kuneva/


Weitere Infos zur Lage in Griechenland:


Griechenland: Arbeiter/innen besetzten Gewerkschaftszentrale GSEE (CNT-IAA)

Internationales: Aufstand in Griechenland - Generalstreik in Europa? (AS)