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Ein Widerspruch im Herzen des Chaos
Die Regelung der globalen Finanzmärkte zur Konjunktursteuerung ist ein Reinfall

Es scheint, dass die Regierungen der Welt den totalen Zusammenbruch des Kapitalismus gestoppt haben. Aber auch wenn er sich wieder erholt, die einzusparenden Kosten werden hoch sein. Und wir - die Klasse der Arbeiter/innen - werden dafür in den nächsten Jahren bezahlen müssen mit Arbeitsplatzabbau, Lohnkürzungen und der Kürzung öffentlicher Leistungen. Doch das ist nicht unsere einzige Sorge. Es ist höchst wahrscheinlich, dass der Kapitalismus in Zukunft erneut kopfüber in die Rezession (1) stürzt.

Kopfüber in die Rezession

Die aktuelle Krise wird so dargestellt, als ob sie der Fehler von gierigen Bänker/innen gewesen wäre, genauso wie die Dot-Com-Krise (2) als der Fehler von gierigen Investor/innen dargestellt wurde. Jedenfalls ist dieses Versagen ein Anzeichen für ein tiefer liegendes Problem eines Systems, das in den letzten 30 Jahren immer unbeständiger und krisenanfälliger geworden ist. Wenn dieses Problem nicht gelöst werden kann, ist die nächste Krise nur eine Frage der Zeit.

Alle Regierungen scheinen sich dessen bewusst zu sein und scheinen zu akzeptieren, dass die Weltwirtschaft nicht von einer durch Schulden verursachten Krise in die nächste taumeln kann. Es gibt auch breite Übereinstimmung darüber, dass die Märkte nicht sich selbst überlassen werden dürfen und dass eine stärkere Regelung die Lösung sei.

Doch hier liegt das Problem. Der Kapitalismus ist ein weltweites System, sodass zur Verhinderung von Instabilität (3) ein angemessenes internationales Finanzmanagement und eine gemeinsame Währung nötig sind. Doch die Nationalstaaten der Welt haben Angst um den Schutz ihrer eigenen Interessen, die oft denen des globalen Kapitalismus entgegenstehen. Britannien ist ein gutes Beispiel dafür: Die Wirtschaft ist in hohem Maße abhängig von der Finanzbranche, die wiederum selbst abhängig von ungeregelten Finanzmärkten ist. Also handelt die britische Regierung im Interesse der Finanzbranche und wird jede bedeutende internationale Regelung verhindern wollen.

Dieser Widerspruch ist natürlich nicht neu. Er ist ein Grund dafür, warum der Kapitalismus so instabil ist und warum es niemals ein wirksames internationales Finanzmanagement gegeben hat. Jedoch kam es im Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg (4) nur deshalb zu einer der stabilsten Phasen des Kapitalismus, weil die Vorherrschaft der USA es erlaubte, ein weltweites System zur Regelung der Finanzmärkte einzuführen.

Keine festen Wechselkurse

Dieses System von festen Wechselkursen, das Bretton-Woods-System (5), machte den US-Dollar praktisch zur Weltwährung. Der gesamte Welthandel wurde in Dollar verzeichnet, weshalb jedes Land Dollar kaufen musste, um Außenhandel zu betreiben. Mit dem Rückgang der US-amerikanischen Wirtschaftsmacht wurde es zunehmend schwierig den Dollarpreis zu verteidigen. Im Jahr 1973 wurde der Dollar wieder auf den internationalen Finanzmärkten frei gehandelt und das Bretton-Woods-System brach zusammen.

Die Wurzeln der aktuellen Krise liegen in diesem Zusammenbruch, weil er den Weg frei gemacht hatte für umfangreiche Währungsspekulation (6). Denn schließlich konnte man nicht auf Wechselkursschwankungen wetten, als diese Preise noch festgelegt waren. Der Devisenhandel stieg dramatisch an und führte zu der heutigen Situation, dass riesige Geldsummen auf der Jagd nach noch höheren Gewinnen andauernd zwischen den Währungen hin- und her geschoben werden.

Der Zusammenbruch von Bretton Wodds hatte auch andere Auswirkungen. Firmen, die international Handel treiben, mussten mit den Wechselkursschwankungen irgendwie umgehen, die ihre Gewinne auslöschen könnten. Aus Verzweiflung darüber griffen sie auf Derivate (7) zurück, um sich gegen zukünftige Wechselkursschwankungen abzusichern. Dadurch konnten sie sicher handeln in dem Wissen, weil sie dagegen abgesichert waren, dass ihre Gewinne aufgrund von künftig veränderten Wechselkursen geschmälert würden.

Spekulation mit Derivaten

Bald führte dieses Geld, das aus solchen Termingeschäften entstand, zu neuen Formen von Derivaten. Im Jahr 1973 entstand eine Formel mit der es Spekulant/innen erlaubt wurde, auf künftige Warenpreise zu wetten. Das führte ab 1975 zu einem Handel mit künftigen Zinsraten (8). Im Bretton-Wodds-System war ein Handel mit Derivaten so gut wie unmöglich; im Jahr 2006 hatte der weltweite Handel einen Umfang von schwindelerregenden
700 Billionen Dollar erreicht (9).

Der Zusammenbruch von Bretton-Woods führte daher zu der heutigen Casino-Kultur, die auf den Weltmärkten vorherrscht, aber nur ein Zeichen für die lasche internationale Regelung des Kapitalismus ist. Wenn sie jetzt von mehr Regelungen sprechen, beschränken sich die Politiker/innen nur darauf, das System zu ändern anstatt dessen Ursache. Das kommt daher, weil sie genau wissen, dass jeder Versuch, ein gemeinsames internationales Regelungssystem aufzubauen, bald mit den konkurrierenden Interessen der nationalen Regierungen in Konflikt kommen würde.

Nationalinteressen statt Regulierung


Die Versuche, den Handel mit Derivaten zu regeln, haben dies bestätigt. Obwohl sich alle einig sind, dass diese Art von Handel verrückt ist, wird nichts dagegen unternommen. Wie gesagt, dieser Handel versichert die Unternehmen gegen zukünftige Risiken. Ohne ihn können sie keine Geschäfte machen. Wie sollte man also Regeln gegen Spekulation einführen, ohne dadurch die Unternehmen bei ihren Geschäften zu stören? Das geht nicht.

Eine wirkliche Lösung wäre es, durch Regelungen das Risiko aus dem System auszuschließen. Zum Beispiel würde ein festes Wechselkurssystem bedeuten, dass es für die Firmen keinen Grund mehr gäbe mit Finanzderivaten zu handeln.

Chinas Einfluss auf Zinsen

Es gibt ein weiteres Hindernis für jede brauchbare Regulierung: der Aufstieg Chinas. Der chinesische Staat beutet seine Arbeiter/innen aus, um gewaltige Mengen billiger Exporte herzustellen. Dann verleiht er riesige Geldbeträge an den Westen, besonders an Britannien und die USA, damit diese Güter gekauft werden. Die chinesischen Billigimporte haben im Westen dazu beigetragen, dass die Geldentwertung niedrig zu halten.

Das hatte im Gegenzug zur Folge, dass die Zinssätze niedrig gehalten wurden. Der krönende Abschluss war, dass diese Niedrigzinsraten in Verbund mit den Krediten aus China es ermöglichte, den Kreditpreis unten zu halten. Und diese Verfügbarkeit von billigen Krediten hatte die Spekulationsblase hervorgebracht, die die aktuelle Krise hervorgebracht hat.

Die Logik schreibt vor, dass Maßnahmen getroffen werden sollten, damit dies nicht wieder geschehen könne. Aber es liegt im nationalen Interesse sowohl Chinas als auch der USA, dass die Geschäfte so schnell wie möglich wieder weitergehen. Daher werden beide Staaten jede Art der internationalen Regelung zurückweisen, die den weltweiten Kreditfluss einschränken könnte.

Mehr Regelungen sind jedoch nicht die Lösung, auch wenn es so einfach erscheint. Eine harte Regelung der weltweiten Finanzmärkte würde bedeuten, dass die Staaten ihre nationalen Interessen zugunsten der Weltwirtschaft als höherem Gut vernachlässigen müssten. Und das wird nicht passieren.

Keine Weltmacht in Sicht

Eine einzige Möglichkeit gäbe es, wenn ein einzelnes Land die wirtschaftliche und militärische Macht erobern würde, um das durchzusetzen, so wie es die USA nach dem Zweiten Weltkrieg getan hatte. Aber auch das wäre nur vorübergehend und ist - jedenfalls in der überschaubaren Zukunft - nicht wahrscheinlich.

Was wird also geschehen? Es gibt noch eine Möglichkeit, dass die aktuellen Maßnahmen zur Rettung der nationalen Finanzsysteme versagen und die Welt in eine lange und tiefe Depression (10) rutschen wird. Es scheint jedoch wahrscheinlicher, dass der kräftige Zuschuss öffentlicher Gelder die Weltwirtschaft langsam aus dem Abschwung herausziehen wird. Das wird dann gefolgt von langfristigen Sparmaßnahmen bei staatlichen Leistungen, denn das geliehene Geld muss ja irgendwie zurückgezahlt werden. Wenn also die öffentlichen Ausgaben zurückgefahren werden, wird ein Druck auf den privaten Konsum entstehen, der die Lücke füllen soll.

Neue Kredite - neue Krise

An diesem Punkt wird sich all das Gerede über mehr Regelungen als das heraustellen, was es ist - nur Geschwätz. Ohne eine wirksame Regelung ist es sehr wahrscheinlich, dass das Kreditfass wieder angezapft wird. Das wird zu einer Spekulationsblase führen, die langfristig wieder in eine schlimme Finanzkrise führen wird.

Was können wir als Arbeiter/innen überhaupt tun? Nun, wir sollten zunächst alle Honnfung auf Regelungen und Politiker/innen aufgeben. Auch nützt es nichts, wenn Arbeitnehmervertreter/innen im Aufsichtsrat von verstaatlichten Banken sitzen, wie manche Linke es fordern. Solche Ansätze werden nichts bringen. Die Anfälligkeit der Wirtschaft entsteht durch den Widerspruch zwischen den Interessen der Kapitalismus als einem weltweiten System einerseits und denen der Nationalstaaten andererseits. Das können wir nur überwinden, wenn die Nationalstaaten verschwinden, aber darauf sollte man nicht wetten.

Kapitalismus pur - Widerstand jetzt


Wir müssen also erkennen, dass die Zeit des sozialdemokratischen Konsens (11) vorbei ist, der auf der Idee von Vollbeschäftigung in einer stabilen Wirtschaft aufgebaut hat. Der Kapitalismus hat aufgrund seiner vielen Widersprüche zu seinem Ursprung zurückgefunden: ein System, das für Aufstieg und Niedergang anfällig ist, mit allen Folgen, die die Klasse der Arbeiter/innen austragen muss.

Kurzfristig müssen wir um jeden Job kämpfen und uns gegen jede Kürzungsdrohung bei Löhnen und öffentlichen Leistungen zur Wehr setzen. Dieser alltägliche Kampf muss verbunden werden mit der Idee, den Kapitalismus anzugreifen. Er soll ersetzt werden durch ein System, das auf der Kontrolle durch die Arbeiter/innen aufbaut und auf der Befreiung des Menschen.


aus:
Direct Action
, Nr. 47 / Sommer 2009,
Magazin der Solidarity Federation (SolFed - IAA),
http://direct-action.org.uk

Internationale Arbeiter/innen-Assoziation (IAA),
http://www.iwa-ait.org


Übersetzung und Anmerkungen:
Anarchosyndikat Köln/Bonn,

http://anarchosyndikalismus.org



Erklärungen:

1) Wirtschaftsabschwung, Rückgang der Umsätze bzw. Ausgaben
2) Zusammenbruch des "Neuen Marktes" für überbewertete Internet-Aktien im März 2000
3) Nichttragfähigkeit, drohender Zusammenbruch
4) Das "Wirtschaftswunder" in Westdeutschland dauerte etwa von 1949 bis 1973
5) goldpreisgestützter Internationaler Währungsfonds (IWF/Weltbank) von 1944 bis 1973
6) Handel mit Landeswährungen (Devisen) im Gewinninteresse durch Kursschwankungen
7)
riskante Spekulation auf veränderte Grundpreise (Aktien, Rohstoffe, Zinsen)
8) Zinsderivate, Termingeschäfte mit Grundwerten von veränderlichen Zinsen (CDS)
9) das globale Marktvolumen der Derivate im Jahr 2009 betrug 600.000 Milliarden Dollar
10) schwere Wirtschaftskrise nach einem Abschwung (Rezession)
11) Übereinstimmung, eine von allen getragene Meinung


Dieser Artikel ist gemeinfrei bei Nennung der Autor/innen und Übersetzer/innen, sowie der Webseite http://anarchosyndikalismus.org